Die drei Gebräuche des Gesetzes

Wir hören oft, dass Christen nicht mehr unter dem Gesetz sind. Diese Behauptung ist richtig, denn Paulus betont in Römer 6,14:

Denn die Sünde wird nicht herrschen können über euch, weil ihr ja nicht unter dem Gesetz seid, sondern unter der Gnade.

Gesetz und Gnade (d.h. Evangelium) vertragen sich nicht: das Eine fordert etwas von uns, die Andere verspricht uns etwas. Auch in seinem Galaterbrief sieht Paulus Geist (Synonym von Gnade) und Gesetz als gegensätzlich: 

Regiert euch aber der Geist, so seid ihr nicht unter dem Gesetz.

Heißt es deshalb, dass ein Christ mit dem Gesetz nichts mehr zu tun hat? Ist er ein "Gesetzloser", weil der Geist Gottes in ihm regiert?

Ich denke, hier liegt ein wichtiges Missverständnis vor. Dass der Christ nicht mehr "unter" dem Gesetz ist, bedeutet keineswegs, dass das Gesetz in unserem Leben nichts mehr zu sagen hat.

Es ist deshalb wichtig, dass wir uns fragen: Wozu gibt es das Gesetz? Welche Rolle oder welchen Gebrauch hat es noch?

Die Heilige Schrift erwähnt drei Anwendungen oder Gebräuche des Gesetzes:

  1. Das Gesetz zeigt uns unsere Ungerechtigkeit und führt uns zu Christus.
  2. Das Gesetz verhindert die Ausbreitung der Gesetzlosigkeit in der Welt.
  3. Das Gesetz zeigt dem Christen wie er Gott gefallen kann.

Der erste Gebrauch: das Gesetz als "Pädagoge"

Im Galaterbrief lehrt der Apostel Paulus folgendes:

Aber die Schrift hat alles eingeschlossen unter die Sünde, damit die Verheißung durch den Glauben an Jesus Christus gegeben würde denen, die glauben. Ehe aber der Glaube kam, waren wir unter dem Gesetz verwahrt und verschlossen auf den Glauben hin, der dann offenbart werden sollte. So ist das Gesetz unser Zuchtmeister gewesen auf Christus hin, damit wir durch den Glauben gerecht würden. Nachdem aber der Glaube gekommen ist, sind wir nicht mehr unter dem Zuchtmeister. Denn ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Christus Jesus.  Galater 3,22-26

Was will Paulus genau sagen, wenn er das Gesetz mit einem Zuchtmeister (Pädagoge) vergleicht? Meint er damit, dass das Gesetz uns erziehen soll, bis wir Christus ähnlich werden und uns wirklich als Kinder Gottes verhalten? Oder meint er, dass das Gesetz unsere Herzen weich machen muss, bevor wir verstehen, warum wir Jesus Christus brauchen? Ich denke, die zweite Aussage ist richtig. Das Gesetz ist wie ein Spiegel, der uns einerseits zeigt, welche Perfektion Gott verlangt und andererseits, wie wir tatsächlich sind. Erst wenn uns klar ist, dass wir schreckliche Sünder sind, die nicht in der Lage sind, Gottes Gebote zu halten, erkennen wir die Notwendigkeit, Christus zu suchen und ihn als unsere Gerechtigkeit zu haben. Er allein war vollkommen gehorsam und ist für unsere Ungerechtigkeiten am Kreuz gestorben.

Der zweite Gebrauch: das Gesetz als Angstmacher

Das Gesetz, indem er jede Übertretung mit einer Strafe droht, verhält sich wie ein Angstmacher. Eine solche Vorstellung finden wir in 1 Timotheusbrief:

Wir wissen aber, dass das Gesetz gut ist, wenn es jemand recht gebraucht, weil er weiß, dass dem Gerechten kein Gesetz gegeben ist, sondern den Ungerechten und Ungehorsamen, den Gottlosen und Sündern, den Unheiligen und Ungeistlichen, den Vatermördern und Muttermördern, den Totschlägern, den Unzüchtigen, den Knabenschändern, den Menschenhändlern, den Lügnern, den Meineidigen und wenn noch etwas anderes der heilsamen Lehre zuwider ist, nach dem Evangelium von der Herrlichkeit des seligen Gottes, das mir anvertraut ist.  1 Timotheus 1, 8-11

Viele, die diese Zeilen lesen, werden sagen: Siehst du, hier haben wir den Beweis, dass das Gesetz keinen Nutzen mehr für Christen hat!

Ist es aber, was Paulus sagen will? Nein, ich denke nicht. Paulus sagt diese Worte in einem bestimmten Kontext. Falsche Lehrer wollten Christen das schwere Joch des mosaischen Gesetzes wieder auferlegen. Paulus spricht hier deshalb von der zweiten Anwendung des Gesetzes. Gerechte (d.h. Kinder Gottes) brauchen kein Gesetz, das sie einschränkt, sondern wie wir es beim dritten Gebrauch sehen werden, sie brauchen "Gebote", die ihnen zeigen, was Gott gefällt und die sie von Herzen tun können.

Der dritte Gebrauch: das Gesetz als Maßstab

Können wir noch von einem dritten Gebrauch des Gesetzes sprechen, der diesmal Christen betrifft, wenn so viele Stellen der Bibel betonen, dass der Christ nicht mehr unter dem Gesetz lebt?

Ja! Wäre es nicht so, würde Paulus jeden Bezug auf das Gesetz vermeiden. Das tut er aber nicht. Lesen wir zum Beispiel, was er in Epheser 6 sagt:

Ihr Kinder, seid gehorsam euren Eltern in dem Herrn; denn das ist recht. »Ehre Vater und Mutter«, das ist das erste Gebot, das eine Verheißung hat: »auf dass dir's wohlgehe und du lange lebest auf Erden«.  Epheser 6, 1

Paulus ignoriert nicht die Anforderungen des Gesetzes. Das heißt, das sie für ihn noch gültig sind. Sehr wichtig ist auch was er auch in Römer 13 lehrt:

Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt. Denn was da gesagt ist: »Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren«, und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem Wort zusammengefasst: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.« Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.  Römer 13, 8-10

Paulus zeigt, dass Christen, die Liebe praktizieren, das Gesetz erfüllen. Lieben ist nicht ein neues Gebot. Das sagt ebenso Johannes in seinem ersten Brief. Er spricht im Kapitel 2, Vers 7, von einem Gebot der Liebe, das wir von Anfang an gehabt haben.

Was gilt noch für Christen?

Wo gebraucht noch ein Christ das Gesetz in seinem Leben?

Einerseits muss er wissen, dass er immer noch ein Sünder, obwohl er gleichzeitig eine neue Kreatur geworden ist. Auf diese Realität macht uns Paulus in Römer 7 aufmerksam. Der Christ braucht deshalb ein Gesetz, das ihn zu Christus treibt, wenn er sündigt. Wir schnell können wir vergessen, das nur Christus uns rettet.

Das zweite ist, dass ein Christ immer vor Augen haben soll, was Gott gefällt. Und weil der Geist Gottes in ihm lebt, ist er danach gesinnt, Gottes Gebote zu halten.

Denn das ist die Liebe zu Gott, dass wir seine Gebote halten; und seine Gebote sind nicht schwer. 1.Johannes 5,3